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Im Märchenwald (ein
modernes Märchen für Denker und solche, die es werden wollen)
Die
Tiere gehen zur Ruhe. Es erwacht der Uhu, die Eule. Mit ihren Augen zündet sie
ein Licht an in der dunklen Nacht. Dort! Im Grase huscht noch der Hase und ein
Fuchs schleicht geschmeidig Richtung Waldesrand. Der Uhu ruft laut. Sein Schrei
durch die Nacht schallt durchdringend weit. Der Hase verharrt auf der Stelle.
Der Fuchs schleicht zum Baum, auf welchem er den Uhu wähnt.
„Guten
Abend, Gevatter!”, winselt er wölfisch dem Stamme empor. „Du hast gerufen. Gilt
es mir oder anderen?”
Der
Uhu schweigt weise und wartet. Nur seine wachen Augen spähen umher. Dann ruft
er noch einmal. Der Fuchs unten am Baum bleibt geduldig. Herr Uhu ist der
Gerechte des Waldes, vor ihm und seinem Ruf beugen sich alle.
Mit
Vorsicht nähert sich der Hase. Angst hat er nicht. Er kennt auch das Gesetz.
Der Fuchs wird nicht wagen, ihn vor den richterlichen Augen des Uhu zu
schmausen.
Der
Uhu schielt nach unten und nickt weise: „So ist es recht.”
„Was
ist es, das du uns sagen willst, Richter des Waldes?”, fragen Hase und Fuchs
wie aus einem Munde.
„Mir
ist die Zeit gekommen zu wissen, ich bin weise, aber auch alt. Meine Tage sind
gezählt. Wer
von euch würde wagen wollen, mich abzulösen?”
Lautes
Schweigen. Dann spricht der Fuchs: „Gevatter, ich meine dich könnt ich wohl
ganz gut ersetzen. Doch kann ich nicht auf diesen hohen Baum.”
„Und
du?”, fragt der Uhu den Hasen. „Ich, ich, ich - bin zu klein und nicht so weise
wie du”, antwortet dieser zaghaft und bescheiden.
Dann
geschieht fünf vor dem Vollmond vorüberziehende Wolken lang nichts.
Der
Uhu beschließt: „Ich meine, du Hase, solltest mich ablösen, wenn es denn soweit
ist.”
Das
trifft den Fuchs mitten ins Herz. Doch ehe er sich entschließt, den Hasen zu
packen, ergreift ihn Vernunft in Anwesenheit des Friedensrichters der Natur,
welcher von oben durchdringend späht auf das Geschehen unten am Baum. Der Fuchs
besinnt sich seiner Schliche und buhlt den Stamm hinauf höfisch: „Gevatter,
Richter des Waldvolkes der Tiere: Warum bitte, nimmst du nicht mich? Ich bin
klug und kann auch von unten Recht sprechen.
Der
Hase dagegen ist ein jämmerlich ängstliches Langohr mit fliegendem Herzen vor
einem wie mir”, giftet der Fuchs seitlich und gleichzeitig nach oben buhlend um
die Gunst des weisen Gerechten auf dem hohen Ast..
Der
Hase sagt nichts, denn er weiß nichts zu erwidern. Ist es klug oder dumm? Er
bleibt trotzdem still sitzen.
Der
Uhu krächzt. Er trippelt nach rechts und nach links auf seinem Ast. Dann nimmt
er die alte Position wieder ein und gibt dem Fuchs seine Antwort: „Du wähnst,
du seiest klug und könntest auch von unten Recht sprechen? Du kannst es ja
nicht mal bis zu mir hinauf!”
Das
ist dem Fuchs zu viel, er bellt in die Nacht: „Erzürne mich nicht, Richter,
dass ich dir sage, was ich denke! Deine Worte sind mir ohnehin zuwider. Dein
Ruf ist mir egal. Ich wende mich ab und ziehe meine Kreise. Hier unten ist das
Leben, das ich brauche und ich brauche dazu meine Moral.” Mit der nächsten
Wolke, die vor den Vollmond zieht, entfernt sich der Fuchs.
Der
Hase bleibt. Der Uhu schweigt. Der Wald wird still, das Mondlicht schwächer.
Plötzlich
räuspert sich der Uhu und fragt den Hasen: „Warum bist du noch hier?” Der Hase
bekennt: „Was hätte ich für eine Chance gehabt zu gehen? Unterwegs der Fuchs
und der Weg nach Hause zu dunkel. In deiner Nähe habe ich Hoffnung und finde
ich Halt.”
„Sehr
weise bist du”, bestätigt der Uhu, „darum möchte ich dich etwas fragen: Glaubst
du, dass ich zu euerm Wohl und Wehe stets fair Recht spreche?”
Der
Hase knickt die Ohren nachdenklich ein, zögert die Antwort ein wenig hinaus und
gibt dann Auskunft: „Nein, sicher nicht. Aber du triffst alle deine
Entscheidungen immer mit ehrlichem Herzen und darum sind sie gut.”
Der
Uhu klappt unzufrieden seinen Schnabel auf und wieder zu: „Es gibt keine
einfachen Antworten! Geh jetzt. Noch bleibe ich auf meinem Ast.”
SKB
29.10.2008
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